Tansania 2010 - Rückblick am Samstagmorgen, 17.07.2010, in Magdeburg
- ein Brief von Gabi Herbst
Liebe Verwandte, liebe Freundinnen und Freunde,

noch wache ich hier in Magdeburg immer sehr früh auf, denn daran hatte ich mich in Tansania gewöhnt, aus dem ich vor sechs Tagen von meiner siebenten Projektreise für "education is the key of life" zurückgekehrt bin.
Es ist in Deutschland sehr viel wärmer als im tansanischen Hochland, in dem Njombe, die Kleinstadt im Süden Tansanias , mit der die ev. Hoffnungsgemeinde seit 15 Jahren eine intensive Partnerschaft pflegt, zu finden ist.

Auf dem Foto seht Ihr meinen Ausblick aus dem Fenster vom MILIMANI, einem äußerst bescheidenen Hotel in Njombe, das uns den Luxus bietet, fließendes Wasser und elektrischen Strom zu haben. Leider waren die von mir geliebten (und oft fotografierten) Bäume mit üppigen roten Blüten vor dem Hotel gefällt worden, das hat mich irritiert und geärgert. Aber ein Baum gilt in Tansania sehr wenig, das ist leider so.
Wir waren eine Reisegruppe von vier Personen. Ich war als Projektgründerin auch noch einmal die Leiterin der Gruppe und wurde von Anja Leiss, der Direktorin der ev. Grundschule in Magdeburg begleitet, derem Mann, der als Kriminalrat in Magdeburg arbeitet und Robert Richter, dem Jüngsten in unserer Gruppe. Er ist Journalist bei der Magdeburger VOLKSSTIMME und wurde eingeladen, unsere Reise mit Berichten und Interviews zu dokumentieren. Später soll (aus all unseren Erinnerungen, Fotografien und Notizen) ein Buch "Schneeflocken für den Kilimandscharo" entstehen… aber all das braucht Zeit.

Auch in diesem Jahr bin ich voller Dankbarkeit aus Tansania zurückgekommen. Dankbar bin ich vor allem für die Menschen, denen ich dort wieder oder neu begegnete und die nach wie vor keine Wege, keine Zeit, keinen Krafteinsatz scheuen, uns, die Freunde und Partner gut durch die Zeit in Tansania zu begleiten.

Das Land ist unruhiger und auch gefährlicher geworden. 85 Prozent der Bevölkerung lebt nach wie vor an und unter der Armutsgrenze. Aber es gibt nun auch 15 Prozent mit einem bescheidenen oder auch beachtlichen Reichtum. Der garstige Graben zwischen diesen sozialen Gruppen ist überall sichtbar. Und die vom Charakter her eher friedlichen Tansanianer werden diesen Graben nicht mehr unbegrenzt lange akzeptieren. Die Wahlen in diesem Oktober für eine neue Regierung werden mit Spannung erwartet. Es muss einfach bessere Konzepte für die Bauern, für Minikredite, für Bildung und Gesundheit geben. Es müssen vor allem auch bessere Verkehrskonzepte für die Städte entwickelt werden. Dar es Salaam ist ein Stadt-Moloch geworden, in dem man nur noch Auto fahren kann, wenn man wie Mkumbo, unserer tansanischer Driver (ein Pfarrerkollege) mit großer Geduld und einem breiten Lachen auch schon mal Bürgersteige zum Überholen benutzt.

Unsere fünf Projekte (Schulgeldprojekt, Kindergartenprojekt, Frauenmodeprojekt, Landwirtschaftsprojekt, Projekt mir alten Menschen) laufen gut bis sehr gut, benötigen aber dringend (auch für die Zukunft) ständige Kontrolle vor Ort. Wir haben dieses Mal rund 9000 Euro für die Projekte gesammelt - und konnten uns davon überzeugen, was mit dem Geld bisher geschah.
Wir machten Interviews mit ehemaligen SchülerInnen, die nun längst Berufe und Studien abgeschlossen haben, wir freuten uns am Anbau des Kindergartens in Melinze, wir besuchten den Laden der Frauen und die angrenzende Schneiderstube mit den zehn Nähmaschinen, wir freuten uns zu hören, dass aus ehemals sechs Kühen nun elf geworden sind. Und ich habe an einem Tag auf Dörfern um Njombe herum alte Männer besucht, die mit 3 Euro Rente wahrlich ein Hungerleben führen. Wir haben ihnen Zucker, Tee und andere Lebensmittel vorbeigebracht. Der älteste der Männer war 100 Jahre alt! Ein Mann mit einem Geschichtsbuch im Gesicht…
Ich kann in diesem Brief nur anreißen, was ich noch ziemlich ungeordnet an Erinnerungen aus Tansania mitgebracht habe. Ich vermisse hier die vielen lachenden und scherzenden Menschen auf den Straßen, den guten Ingwertee von Rehema gekocht, ich vermisse die Gesten der Gastfreundschaft, dass einem immer Taschen mitgetragen werden und man beim Gehen mindestens bis ans Ende des Grundstücks geleitet wird. Ich vermisse die Tapferkeit der Menschen, die mich ansteckte, als mich die "Nairobifliege" attackiert hatte und ich gegen den Ausschlag Antibiotika nehmen musste. Ich vermisse den Gesang (!) der Menschen im Gottesdienst, aber auch darüber hinaus, der mich jedes Mal erneut begeistert.

Aber ich brauche auch Zeit, sehr traurige und schreckliche Erlebnisse zu verarbeiten. Den Anblick von schwer kranken und leer dreinschauenden Menschen, die sichtbare Armut in den Wohnungen der Menschen, den vielen Schmutz überall und die Müdigkeit in den Augen der Frauen auf den Dörfern, denen man ansieht, dass sie noch kaum Rechte für ein eigenes Leben haben…

Njombe selbst hat sich optisch etwas verbessert. Mehr Menschen haben nun Strom und Wasser, bessere Dächer und auch weniger Müll in den Straßen. Die junge Generation, so sie denn die Schule besucht und beendet, wirkt deutlich selbstbewusster, kann zum Teil recht gut Englisch sprechen und hat Hoffnungen für die Zukunft, die denen der Jugendlichen bei uns ähneln.

Die Kirchen sind nach wie vor sehr gut besucht. Dennoch hat man Mühe, neue Theologiestudenten zu finden, auch junge Evangelisten. Diese Berufe werden so schlecht bezahlt (zwischen 20 und 70 Euro pro Monat Gehalt), dass man nur mit diesem Gehalt einfach nicht leben kann. Auch müsste die theologische Bildung unbedingt verbessert werden! Aber das ist ein spezielles neues Thema…

Ich höre hier erst einmal auf…. Aber ich wollte mich unbedingt bei Euch melden. Andreas holte mich und Robert in Frankfurt ab, Anja und Patrick blieben noch zum Tauchen für eine Woche. Ich bin dankbar, wieder daheim zu sein - unversehrt, mit frischem Wasser am Morgen und Abend, mit einer gemütlichen Wohnung und einer Familie, die sich auf mich freute.

Tansania hat mich in all den zurückliegenden Jahren begleitet und geprägt. Es hat mich Schweres überstehen lassen und mich gelehrt zu sehen, was für ein wunderbares Leben ich haben darf. Dieses Land gehört inzwischen einfach zu mir und wird mir helfen, auch manche Mühen der Ebenen in der Zukunft "leichtfüßig" zu nehmen.

Mungu akubariki - Gottes Segen, das wurde mir in Tansania oft gewünscht. Ich wünsche es Euch.

Eure Gabi und Gustel.