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10 Jahre "education ist the key of life" eine Reise nach Tansania vom 15.8. zum 2.9.2005 - von Gabriele Herbst |
15.8.2005
Die meisten Flugpassagiere bevorzugen als Reiseziel den Norden Tansanias: Arusha, Moshi, Mwanza. Der Berg ruft! So macht die Boeing der KLM (Amsterdam - Dar es Salaam) auch am späten Abend des 15. August 2005 eine Zwischenlandung auf dem Airport Kilimandscharo, bevor sie, drastisch entleert, Dar es Salaam ansteuert. Günther Altmann, der ehemalige Magdeburger Bühnenbildner und ich, Pfarrerin Gabriele Herbst, beide auf dem Weg in den Süden Tansanias, nach NJOMBE genaugenommen, der Kleinstadt, die erst noch mit einer langen Busreise wird erobert werden müssen, haben erst einmal genug vom Fliegen. 10 Stunden in einer ziemlich kalten Maschine, eingewickelt in blaue Wolldecken, über den Wolken zwar, bei sonnigem Wetter zumeist..., dennoch: der lange Atem ist verbraucht. Unsere Beine wollen auf tansanianischen Boden, zu den Freunden, die auch verlässlich warten: Nuru, die Frauenbeauftragte aus Njombe, Seth, der neue Pfarrer von Njombe parish, der, wie sich zeigen wird, bald schon wieder der alte gewesen sein wird und Isaya, der langjährige Freund, mit dem ich vor 10 Jahren das Schulprojekt "education is the key of life" zwischen Magdeburg und Njombe ins Leben rief. Seit 2004 arbeitet Isaya als assistant bishop der Njombe Diöcese, 1995 war er mein tansanianischer Ansprechpartner auf Gemeindeebene. Gut, dass es ihn als kontinuierliches Gesicht immer noch gibt. Partnerschaften brauchen dringend vertraute, verlässliche Gesichter.
Die Freunde bringen uns in das katholische Hotel "Kurasini", in dem ich, die ich zum 4. Mal mit einer Reisegruppe Tansania besuche, schon mehrmals gut geschlafen habe. Das Hotel hat sich seit meinem letzten Besuch im Jahr 2003 wesentlich modernisiert. Schon in der Hotelhalle fallen mir Computer auf und January an der Rezeption, der mich freudig begrüßt, wirkt "europäisch", wenn er mit mir und gleichzeitig mit seinem Handy kommuniziert. Wir sind hundemüde und fallen in unsere Betthöhlen unter Moskitonetzen. Ich stelle vor dem Einschlafen noch erschrocken fest, dass mir auf dem Flughafen meine "Canon 501" gestohlen wurde.
Ich bin traurig, weil Fotografieren eine meiner Leidenschaften ist. Aber dann beschließe ich, die Traurigkeit in den Wind zu blasen und mich nur zu freuen, dass ich wieder einmal in Tansania, im Land , in dem ich Freunde, Geschwister und eine sinnvolle Aufgabe habe, sein darf.
16.8.2005
Aufwachen und realisieren, wo man ist. Heute werden wir mit den Freunden die üblichen Wege gehen. Dar es Salaam begrüßen, der Lutherischen Kirche zeigen, dass man wieder da ist, einen Besuch bei Bischof Alex machen, der mich vor 10 Jahren, bei meinem ersten Besuch, gemeinsam mit Isaya Mengele, am Flughafen abholte.
Alex freut sich sehr, mich wiederzusehen. Er sieht würdig aus in seinem Bischofszimmer mit den roten Samtsesseln und dem großen Ring an der Hand. Sein Gesicht ist uns aufmerksam zugewandt, was ich mit Freude konstatiere. Es stimmt mich immer traurig, wenn Menschen, die eine Karriere machten, nicht mehr zuhören.
Alex lädt uns alle zu einem chinesischen Essen, gleich gegenüber dem lutherischen Zentrum, ein. Er und auch die anderen tansaniaschen Begleiter sprechen in diesen Tagen viel über die bevorstehenden Wahlen für eine neue Regierung. Die Regierungspartei CCN wird von den meisten von ihnen sehr geschätzt, weil sie es vermochte, in den letzten Jahren beispielsweise die Gebühren für die Grundschule wieder abzuschaffen.
Abends sitzen wir mit den Freunden noch eine Weile auf der Terrasse unseres Hotels. Es ist schwül. Man muß sich vor den Moskitos in achtnehmen.
Wir diskutieren miteinander das Problem, wie wir bald unseren mit CARGO von Deutschland aus geschickten Koffer, in dem alle Geschenke für die Kinder und Jugendlichen unseres Projektes sind, vom Flughafen bekommen.
Die Aufgabe des Koffers kostete mich schon in Deutschland 200 Euro. Und es wird unseren Partnerpfarrer noch einmal 80 Euro, die wir natürlich bezahlen, kosten, bis ihm der Koffer ausgehändigt wird. Das macht mich richtig ärgerlich. Aber ich lerne daraus, dass wir das in Zukunft werden anders regeln müssen. Es lohnt sich nicht mehr, Geschenke aus Deutschland mitzunehmen. Man muß sie im Land selbst kaufen.
17.8.2005
Wir fahren nach BAGAMOYO, einem Ort in der Nähe von Dar es Salaam, der mich - besonders wegen seiner Kunsthochschule für traditionelle afrikanische Musik und Kunst - interessiert. Außerdem ist Bagamoyo ein sehr geschichtsträchtiger Ort.
Er war die erste Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika (von 1888-1891) . Der Ortsname verweist auf die Zeit des Sklavenhandels. BAGAMOYO heißt "Leg dein Herz nieder". Denn wenn die Sklaven an diesem Ort aus dem Hinterland angekommen waren, konnten sie beim Besteigen der Schiffe nach Sansibar und Arabien nichts anderes tun, als ihr Herz in ihrer Heimat zurückzulassen.
Wir sehen alte verfallene, morbid wirkende Häuser aus der Kolonialzeit, die von einem jungen Museumsführer, stolz gezeigt werden. Unsere afrikanischen Freunde schauen sich zum ersten Mal diesen Ort an, an dem so viele ihrer Vorfahren Unrecht erlitten. Ich bin ein wenig befangen, obwohl ich selbst nicht schuld bin, an dem, was hier geschah. Und trotzdem weiß ich um Formen moderner Sklaverei, denen gegenüber ich mich manchmal so hilflos fühle.
Am Ufer der indischen Ozeans sonnen sich "mzungus", weiße Touristen. Nur sie können die Hotels bezahlen, die zu den Strandanlagen gehören.
Ich bin froh, dass wir wegen des "education- Projektes" hier sind. Jeder soll sein Herz fortan dort lassen dürfen, wo er will, denke ich. Aber um zu solch einem Selbstbewusstsein zu gelangen, braucht es Bildung.
18.8.2005
4.00 Uhr morgens aufstehen. Und kein Kaffee zum Wachwerden! Nur ein bisschen Weißbrot als Notversorgung. Die schwarzen Freunde nehmen das stoisch, wie fast alles, was ich, was wir nicht so gelassen sehen können.
Mit der Buslinie "Skandinavian", die bis auf den letzten Platz besetzt ist, geht es ins südliche Hochland, nach Njombe. Zehn Stunden Busfahrt erwarten uns. Glücklicherweise gibt es auf dieser langen Fahrt Zeiten ungewohnter Stille, also keine durchgängige Bedröhnung durch laute Musik oder Videos, wie ich das in vergangenen Jahren erlebte. Der Busfahrer fährt die ganze Strecke, mit drei Pausen von zweimal etwa fünf Minuten und einer längeren Pause, in der die meisten Reisenden einen Imbiß zu sich nehmen.
An den Busstationen warten wieder unzählige junge Männer mit Früchten und Keksen und Zeitungen und allem, was man brauchen oder nicht brauchen könnte, auf Kunden. Sie reagieren freundlich, wenn man dankend ablehnt. Ich kaufe Orangen und Tomaten. Saftige, wohlschmeckende Tomaten.
Als wir gegen 16.00 Uhr in Njombe ankommen, werden wir an der Busstation mit Gesang und Blumen empfangen. Wir sind "zu Hause". Kamwene! Danke, Gott, dass wir Njombe gesund erreichten. Jährlich verunglücken in Tansania unzählige Menschen bei Busunfällen, weil die Busse nicht durch den TÜV müssen und viele Busfahrer bis heute keinen Führerschein besitzen.
Im MILIMANI - Hotel, einer nicht sehr komfortablen, aber mir gut bekannten Bleibe, werden Günter Altmann und ich wohnen. Das Hotel liegt in direkter Nachbarschaft zur lutherischen Kirche und dem Gemeindezentrum.
Bevor ich ins Bett gehe, laufe ich noch einmal auf den Balkon des Hotels. Es ist später Abend und ein wunderbarer Sternenhimmel über Njombe schenkt mir das Gefühl von Geborgenheit.
19.8.2005
Wir werden am Morgen von Bischof Lukilo und anderen Mitarbeitern der Diozöse zu einem Gespräch empfangen. Wir überreichen unsere Gastgeschenke, einen gestickten Behang zu "10 Jahre education ist the key of life" und einen Kunstkalender mit Grafiken von Njombe und Iringa, die Günter Altmann nach seiner letzten Tansaniareise 2003 gefertigt hat.
Dann gibt es etwas zu besprechen, was uns in den nächsten Tagen einige Probleme bereiten wird. Herr Altmann will anlässlich unseres Jubiläumsbesuches in Njombe in die lutherische Kirche ein Wandbild mit der Heiligen Familie malen. Beim Gespräch mit dem Bischof wird deutlich, dass das Anbringen eines solchen Gemäldes in der Kirche aber nicht erwünscht ist, da man hier, so wird uns gesagt, in den Kirchen ein strenges Bilderverbot hat. Günter, der sich auf das Malen daheim schon sehr intensiv vorbereitet hat, wirkt schockiert und enttäuscht. Glücklicherweise finden wir nach tagelangen Diskussionen (und noch einigen Missverständnissen) dann doch eine Kompromisslösung. Herr Altmann wird sein Bild in der "Jugendhalle" an die Wand bringen. Er sucht sich zwei junge Tansanianer, die ihm bei dieser aufwendigen Arbeit behilflich sein werden. Die mit Ölfarbe gestrichenen Wände müssen abgeschliffen und für die Malerei präpariert werden. Man spürt, wie erstaunt die jungen Männer anfänglich darüber sind, dass ein Weißer solch eine mühevolle Arbeit freiwillig in Kauf nimmt. Aber mit der Zeit wird das Interesse an Kunst wachsen und wachsen.
20.8.2005
Wir treffen die Vertreter des Elternkomitees, das darüber entscheidet, welche Jugendlichen aus Njombe durch unser Schulprojekt finanziell gefördert werden.
In diesem Komitee sind Krankenschwestern, Lehrer, Mitarbeiter der Gemeinde, Hausfrauen und der Gemeindepfarrer vertreten. Wir erfahren in einem Bericht, dass momentan rund 80 Schülerinnen und Schüler, die mehrheitlich eine Sekundarschule besuchen, durch unser Projekt gefördert werden. Problematisch ist es nach wie vor, dass das Geld an die Schüler in unterschiedlicher Höhe ausgezahlt werden muss, da sich die Schüler in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen befinden. Manche sind Vollwaisen, andere haben noch einen Elternteil. Manche leben im Internat, andere in ihren Großfamilien. Ich bitte das Komitee, die Aufteilung des Geldes selbst zu regeln und uns darüber Bericht zu erstatten. Wir überweisen von Magdeburg aus jährlich zweimal etwa 3500 Euro nach Njombe. Ich verspreche den Gesprächspartnern, dass wir uns darum bemühen wollen, diese Summe auch für die kommenden Jahre abzusichern. Ich verschweige nicht, dass es im Moment schwierig ist, neue Spender in Deutschland für unser Projekt zu finden, da es vielen Menschen -speziell in Magdeburg Nord, wo ich als Pfarrerin arbeite - wirtschaftlich schlechter geht als noch vor einigen Jahren. Einigen meiner Gesprächspartner ist es fremd zu hören, dass es in Magdeburg so eine hohe Arbeitslosigkeit - und auch eine versteckte Armut gibt.
Am Abend dieses Tages bekomme ich Fieber und eine Darmverstimmung. Und morgen habe ich zweimal zu predigen! Aber in Afrika kann man lernen, nicht gleich in Panik zu verfallen. Die Menschen hier können sich solche Panik nicht leisten.
21.8.2005
Einen Gottesdienst in Tansania muss man einfach einmal miterlebt haben!
Wie die Menschen - sieben Uhr morgens - schon zu Hunderten in den Frühgottesdienst und später in den Vormittagsgottesdienst strömen. Wie die Chöre die Gottesdienste eröffnen, viele engagiert musizierende Menschen singen sich Nachtmüdigkeit und viele Belastungen von der Seele, sie bewegen ihre Körper - ein tanzendes Gotteslob. Die Liturgie und die Predigt empfinde ich hingegen oft etwas trocken, zumindest sehr lang. Aber das mag auch daran liegen, dass ich nur sehr wenig Kiswahili verstehe.
Ich predige über Matthäus 12, 46ff, einen Text, der den normalen Familienbegriff infrage stellt. "Familie" ist ein Kernbegriff in Afrika - doch ein Afrikaner denkt seine Familie viel größer als wir in Europa. Das passt gut zum Text. Lena, meine Dolmetscherin, eine junge Tansanianerin, die in Deutschland Sozialpädagogik studierte, soll die Predigt in die Landessprache übersetzen. Vor den vielen Leuten verlässt sie der Mut - und ich muss spontan in Englisch predigen. Ich komme ins Schwitzen, aber ich schaffe es.
Nach den Gottesdiensten steigere ich noch mit um den Erwerb einer Ziege, die ich den Jugendmitarbeitern schenken will. Dann zwingt mich Schüttelfrost ins Bett.
Bluttest, wegen Malariagefahr. Zum Glück ist der negativ.
22.8.2005
Im Bett unter dem Moskitonetz. Tee und Wärmflasche. Freundliche Tasanianer, die besorgt um "mchungaji Gabi" (Pfarrerin Gabi) sind. Ich lese ein bisschen in "Deutschstunde" von Sigfried Lenz. Alle deutschen Worte klingen noch einmal anders in Afrika.
23.8.2005
Mit Lena und Nuru besuche ich zwei kirchlichen Kindergärten in Njombe, die sich der Montessori-Pädagogik verschrieben haben. Eine junge Frau aus Bayern lebt schon länger in Njombe und bildet tansanianische Frauen als Kindergärtnerinnen aus.
Es ist sehr interessant, diese Kindergärten zu besichtigen, die liebevoll ausgestaltet sind (Wandmalereien, selbst hergestelltes Holzspielzeug, Ruheräume...) und sich sehr positiv von anderen Kindergärten, die ich bisher in Tansania sah, abheben.
Die Kinder singen uns Empfangslieder. Ich informiere mich über einen täglichen Ablauf im Kindergarten und über die Höhe des Elternbeitrages (zwischen 1 und 4 Euro pro Monat). Die Kinder tragen einheitliche Kleidung und wirken fröhlich und aufgeschlossen, teils sehr diszipliniert. Ich bespreche mit den Leiterinnen der Kindergärten, dass ich mich in Deutschland um Partnerkindergärten - oder Schulen mit einer ähnlichen Pädagogik kümmern könnte. Denn für unser Schulprojekt scheint es sinnvoll, schon kleineren Kindern aus armen Familien die Chance zu geben, sich in guten Kindergärten auf die Schule vorzubereiten.
24.8.2005
Batiken mit Frauen aus der Batikprojektgruppe! Es ist ein heißer Tag , mit einer wirklich sengenden Sonne. Wir schleppen Wasserkübel, Farben, Holz zum Feuer machen, Tische zum Drucken ins Freie. Die Frauen bereiten mit großer Mühe und Geduld einen weißen Baumwollstoff für eine Wickelbatik, die ich selbst mit gestalten werde, vor. Es dauert sicher eine Stunde, bis das Wasser im großen Kessel kocht, dann noch einmal mindestens 90 Minuten, bis der Stoff gewickelt und gefärbt ist.
Ich bekomme große Achtung vor diesen Frauen, die unter schwierigen Bedingungen leuchtende, lebensfrohe Stoffe herstellen, die sie dann relativ billig (etwa für 6 Euro für 3 Meter) verkaufen. Wir verkaufen sie in Deutschland für das Vierfache - eine große Chance für diese Frauen und für uns die Möglichkeit, dem Leben in Deutschland ein bisschen mehr Farbigkeit zu verleihen!
25.8.2005
Mit dem Assistenz-Bischof und einigen anderen Mitarbeitern der Diozöse Njombe fahren wir nach Makambako, um uns in dem dortigen Gemeinzentrum mit kirchlichen Ruheständlern zu treffen ( 25 Männer), die seit kurzem von der Kirche ein kleines Ruheständlergehalt in Höhe von rund 6 Euro im Monat erhalten. Staatlicherseits gibt es in Tansania keine Rente, was für die Menschen, die auch in Tansania inzwischen oft ein beträchtliches Alter erreichen (der älteste meiner Gesprächspartner war 96 Jahre alt) ein enormes Problem ist. Der größte Teil der Männer ist schlecht gekleidet und wirkt auf mich ähnlich einsam, wie viele alte Menschen in Deutschland. Die Männer erzählen von ihren interessanten Leben in sehr unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, von ihren großen Familien (10 bis 12 Kinder waren keine Seltenheit!).
Ich erfahre, dass die Situation alter Frauen in Tansania noch schwieriger ist, als die Situation alter Männer. Immer wieder kommt es vor, dass in dörflichen Gegenden alte Frauen als "Hexen" abgestempelt werden, deren man sich möglichst bald entledigen muss.
Die Berichte der alten Männer machen mich wehmütig. Wie könnte man Kontakte zwischen alten Menschen bei uns zu diesen hier knüpfen?
26.8.2005
Ich habe die sehr interessante Möglichkeit, in Mafinga zwei Einrichtungen der Kirche zu besuchen. Zunächst besichtige ich - in Begleitung von Lena (Günter Altmann ist nach wie vor mit dem Malen des Wandbildes beschäftigt) - das "Care center", in dem Babies und sehr kleine Kinder, die keine Eltern mehr haben (meist sind diese durch Aids gestorben) für zwei Jahre Unterkunft finden. Bedingung zur Aufnahme in diesem Zentrum ist eine jugendliche, weibliche Begleitperson, die möglichst aus dem familiären Umkreis des Kleinkindes stammen soll und dieses zwei Jahre lang (unter fachlicher Anleitung ) aufziehen darf (muss?). Ich traf 15-jährige Mädchen, die Babies von wenigen Wochen im Arm hielten, denen sie alle drei Stunden Milch zuflößten, tags und nachts. Ich war beeindruckt von der Reife dieser jungen Mädchen, von der Liebe, die aus ihren Augen sprach. Wünschenswert erschiene mir, dass die jungen Mädchen in Mafinga - neben der Pflege für ihre kleinen Verwandten - mehr Möglichkeiten eigener Freizeitgestaltung hätten.
Am Nachmittag des 26.8. besuchen wir das kirchliche "Vocational Training Centre", eine Art Betriebsberufschule. Hier lernen junge Leute verschiedene Berufe: Elektriker, Schneiderin, Kfz-Mechaniker, Tischler... Mein Patensohn Daniel, für den meine Familie viele Jahre lang das Schulgeld finanzierte, lernt hier im 2. Lehrjahr. Als ich Daniel treffe, bin ich sehr über seine sichtbare Entwicklung erfreut. Er wirkt selbstbewusst und interessiert. Seine Lehrer sprechen sich positiv über Daniels Lernverhalten aus. Als ich Daniel vor 10 Jahren kennenlernte, war er ein scheues und verloren wirkendes Waisenkind. Wunderbar, dass er seine Bildungschancen nutzte!
Schulen wie Mafinga sind m.E. sehr gute Möglichkeiten für die Jugendlichen unseres Projektes, nach dem Abschluß der Sekundarschule einen Beruf zu erlernen. Ein Studium ist wirklich nur denen zu empfehlen, die mit sehr guten Lernergebnissen die Schule beenden, ansonsten ist das Studium eher eine "hinausgeschobene Arbeitslosigkeit".
27.8.2005
Heute wird gefeiert: 10 Jahre Partnerschaft "education ist the key of life".
Alle sind aufgeregt. Wir Deutschen schmücken den Festsaal mit einer Fahne aus Magdeburg und vielen Päckchen und Briefen aus Deutschland. Günter Altmann hat seine "Heilige Familie " als Präsent fertig gestellt.
Die tansanianischen Freunde kochen gutes Essen und haben viele schöne Dinge mit uns vor, wie der "Buschfunk" verlauten lässt.
Das Fest beginnt in der Kirche unter dem Beisein von Bischof Lukilo, unserem Partnerpfarrer, Nuru, etwa 40 Sekundarschülern und deren Bekannten, den Mitgliedern des Elternkommitees und den MitarbeiterInnen von Njombe parish.
Wir singen und beten, zünden Kerzen an und freuen uns, was uns mit dem Projekt und mit der Gestaltung der Partnerschaft gelungen ist.
Es freut mich, dass der tansanianische Kollege, Seth Mlelwa, einen Bericht in Englisch verfaßt hat, der seine Sicht auf zehn Jahre Partnerschaft beschreibt und das Projekt würdigt. Auch das sehr freundliche Wort des Bischofs ist eine Ehre, die wir dankbar annehmen.
Nach dem Beginn in der Kirche gibt es ein fröhliches Fest im Lutherischen Zentrum. Lieder, Reden, kleine Szenen und Geschenke prägen den Nachmittag. Wir werden afrikanisch eingekleidet und mir wird ein ängstliches Huhn in meine Arme gelegt.
Ich lächle, fühle das ängstliche Herz dieses Tieres und gebe es mit einem "asante sana" an eine tansanianische Frau weiter. Man wird es morgen im Gottesdienst versteigern. !
Der Nachmittag hat eine unverkrampfte Atmosphäre, die ich dankbar registriere. Es ist einfach Freundschaft gewachsen zwischen Magdeburg und Njombe!
28.8.2005
An diesem Sonntag besuche ich eine Wahlveranstaltung des CCN in Njombe.
Der Präsidentschaftskandidat von CCN - KIKWETE- stellt sich den zahlreich erschienenen Tansanianern auf einem Sportplatz vor. Salam eleikum, ruft er (selbst ein Moslem) den Moslems zu - und dann ruft er mit der gleichen Fröhlichkeit, bwana asifiwe (der Herr sei mit euch), den Gruß der Christen. Diese Geste imponiert mir sehr! Sie wirkt nicht aufgesetzt. An diesem Tag im August ahne ich noch nicht, dass die Tansanianer ihre Wahlen nicht, wie geplant, im Oktober, sondern erst im Dezember 2005 werden durchführen können.
Ich bin weit und breit die einzige Weiße auf dem Sportplatz. Ich bin über die Friedlichkeit der Veranstaltung erstaunt - nirgendwo aggressive Sprechchöre, wie ich sie bei solchen Veranstaltungen aus Deutschland kenne. Aber vielleicht kann ich manches auch nicht richtig deuten, zum Beispiel fällt es mir immer noch schwer, afrikanische Gesichtsausdrücke zu interpretieren.
29.8.2005
Der einzige freie Tag der Reise. Mit ein paar tansanianischen Freunden fahren wir in einem Jeep nach Ngengede, einer landschaftlich wundervollen Gegend mit einem imposanten Wasserfall. Es tut mir gut, in diese Landschaft einzutauchen und Tansania einfach einmal nur zu genießen. Isaak, ein Jugendreferent der Süddiozöse, zeigt mir das Haus eines Analphabeten, der in der Nähe des Wasserfalls lebt und die Wasserenergie dazu nutzt, sein Haus zu elektrifizieren und Land zu bewässern.
Alternative Energien ! "education ist the key of life", Bildung kann auf vielerlei Weise erworben werden.
30.8.2005
Wir nehmen Abschied in Njombe. Kwa heri, auf Wiedersehen. Ich spüre Traurigkeit in mir, mich von den Freunden zu verabschieden. Wann werden wir einander wieder begegnen? Werden wir? Was wird dann sein - mit uns?
Unser Partnerpfarrer begleitet uns nach Dar es Salaam. Er wird Njombe als Pfarrer verlassen, da er zu einem Aufbaustudium nach Arusha delegiert wurde. Für ihn selbst ist dieses Studium eine große Chance, für die Ehefrau und die vier gemeinsamen Kinder bedeutet das Studium monatelange Trennung und finanzielle Engpässe. Ist das zu verantworten? Ist der häufige Wechsel der Pfarrstellen gut für die Gemeinden, gut für die Ehen, gut für Projekte wie das unsrige, das Vertrauen auf beiden Seiten braucht? Ich bin mir unsicher.
Sicher bin ich mir, dass unser Schulgeldprojekt sehr sinnvoll ist, dass es unbedingt weitergeführt werden muß, weil es jungen AfrikanerInnen die Möglichkeit gibt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Weil es uns die Möglichkeit gibt, unseren Horizont zu weiten und Leben zu lernen von Menschen, die mutig, tapfer und oft sehr fröhlich leben, trotz für uns unvorstellbarer finanzieller Knappheit.
Wir fliegen zurück nach Deutschland.
Ich habe rote Erde aus Njombe an den Schuhen, in den Nähten meiner Kleidung und auch unter der Haut. Afrika geht mir immer unter die Haut.
Ich bin dankbar, dass ich diesen Kontinent kennenlernen durfte. Er lässt mich nicht los.